Der Ausschnitt der Postkarte von 1907 zeigt das Eingangstor zum Weingarten des Mathildenhofes. (Postkarte von Hans Peter Hexemer)

 

 

Der Weingarten des Mathildenhofs, der schon in der Mitte des 18. Jahrhunderts nachweisbar ist, hatte über seinen wirtschaftlichen Nutzen hinaus auch repräsentative Bedeutung. Seine Funktion war es, die wirtschaftliche Grundlage der Besitzung in exemplarischer, idealisierter Form zu symbolisieren. Hierbei ist nicht zu vergessen, wer der eigentliche Auftraggeber der Gartenanlage war: Die Familie Lauteren, die großbürgerlichen Weinhändler aus Mainz, erste deutsche Sektproduzenten und Anteilseigner der Dampfschifffahrtsgesellschaft sowie der Ludwigsbahn zwischen Mainz und Worms.

Der Weingarten des Mathildenhofs vor der RodungDie herrschaftliche Zufahrt vom Dorf und vom neuem Bahnhof zur Villa führte in einer großen eleganten Kurve unter einer Weinpergola durch den Weingarten. Aufwendige Pavillons ermöglichten den Blick über das Weinfeld zum Haus. Dieser repräsentativen Charakter wird noch im 20.Jahrhundert deutlich, als der Weingarten als „Gästegarten“ oder „Gästewingert“ bezeichnet wurde. Ähnliche Weingärten baute Siesmayer für Wirtschaftsgrößen wie den Bankier und Amateurgärtner von Lade in Geisenheim und den erfolgreichen Kaufmann Umberg in Laubenheim.

Die rasterförmige Wegestruktur, die im Plan von 1920 überliefert ist, erinnert auch an Renaissancegärten. Gleichzeitig dienten solche ummauerten Weingärten am Weingut auch als „Reb- und Musterschulen“. Hier wurden auf eingeteilten kleinen Feldern verschiedene Reben gepflanzt, gezogen und erforscht, die Vermehrungs- und Veredlungsversuche gemacht. In den 1960er Jahren führte Peter von Weymarn erste Versuche mit biologischem Weinanbau im Weingarten des Mathildenhofes durch.

In den 80er Jahren wurde der Weingarten an die Gemeinde verkauft und gerodet.

2008 hat das Weingut Seebrich ihn von der Stiftung gepachtet und bestückte ihn, in Anlehnung an die historische Wegführung, neu mit Riesling-Hochstämmen. Inzwischen entstanden aus den dort gelesenen Trauben bereits zwei sehr gute Jahrgänge.

Der Ertrag (rund 4000 Liter im Jahr) wird als eigenständiger Wein ausgebaut, der Löß-Lehmboden verspricht blumigen und exotischen Primäraromen.

 

Weitere Informationen

www.weingut-seebrich.de

Gartendenkmalpflegerische Vertiefungsstudie zum Weingarten von  Dr. habil. C. A. Wimmer (PDF)